Er schmuggelt die Friedensnobelpreisträgerin aus Mossul heraus Im stern sagt Omar Abdal Dschabbar: "Ich wäre gern der erste, der Nadia Murad gratuliert"

06.12.18 20:18 | Kategorie: | Von: Gruner+Jahr, stern

Hamburg (ots) - "Es fühlt sich an, als hätte auch ich den Preis gewonnen", sagt der 29 Jahre alte Iraker Omar Abdal-Dschabbar im Gespräch mit dem Hamburger Magazin stern. Abdal-Dschabbar hat die jesidische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad, 25, die am kommenden Montag in Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird, vor vier Jahren aus der damals vom "Islamischen Staat" beherrschten Stadt Mossul im Nord-Irak herausgeschmuggelt und ihr damit das Leben gerettet. Weil seine Hilfe für Murad bekannt wurde, musste Abdal-Dschabbar kurz darauf selbst aus dem Irak fliehen. Heute lebt er in der sächsischen Kleinstadt Torgau. Zur Preisverleihung an Nadia Murat ist er nicht eingeladen.

"Er war für mich fast so etwas wie ein Bruder", schreibt Murad in ihrer 2017 erschienenen Autobiografie über Abdal-Dschabbar. Nachdem sie ihren IS-Peinigern entwischt war, die sie aus ihrem Dorf entführt und monatelang als Sexsklavin missbraucht hatten, hatte sie sich hilfesuchend an seine Familie gewandt. Wenig später hatte Abdal-Dschabbar sie mithilfe eines gefälschten Ausweises, der Murad als seine Frau ausgab, durch die Kontrollposten des IS hindurch in Sicherheit gebracht. Im Jahr 2015 war Murad mit einem humanitären Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg nach Deutschland gekommen und hatte in der Folge eine weltweite Kampagne für die Überlebenden von Menschenhandel und sexueller Gewalt gestartet.

Omar Abdal-Dschabbar und seine Familie leiden bis heute unter den Folgen der Rettungsaktion für Murad. Am Tag nach seiner Rückkehr entging er nur knapp der Verhaftung durch den IS. Gemeinsam mit seiner schwangeren Frau und einem Sohn im Säuglingsalter entkam Abdal-Dschabbar im Inneren eines leeren Tanklasters in die Türkei. Aus Geldnot und weil die Flucht für sie zu strapaziös war, kehrte die Schwangere mit dem Kind jedoch in den Irak zurück. Abdal-Dschabbar reiste allein über die Balkanroute weiter bis nach Deutschland und beantragte Asyl.

Seit mehr als drei Jahren lebt Abdal-Dschabbar von seiner Familie getrennt. Seinen jüngeren Sohn kennt er nur aus Skype-Telefonaten. "Am liebsten hätte ich sie längst bei mir in Torgau", sagt der 29-Jährige. Das Leben von ihm und seiner Familie ist weiter bedroht, ein Bruder wurde noch vom IS in Mossul ermordet, wie er dem stern erzählte. Selbst in Deutschland hätten ihn Drohnachrichten des IS erreicht.

"Ich habe mich sehr für sie gefreut", sagt Abdal-Dschabbar über die angekündigte Verleihung des Friedensnobelpreises an Murad. Er bedauert, dass er ihr bisher nicht persönlich gratulieren konnte. Seit ihrer Ankunft in Deutschland im Jahr 2015 hätten Murad und er in regem Telefonkontakt gestanden. "Wir waren wie Geschwister." Anfang 2018 sei Murads Handynummer jedoch plötzlich nicht mehr erreichbar gewesen. Sie habe sich seitdem nicht mehr bei ihm gemeldet. Abdal-Dschabbar vermutet, das Team von Murads Stiftung "Nadia's Initiative" könnte für den Abbruch des Kontakts verantwortlich sein. Anfragen des stern an Nadia Murad und ihre Stiftung blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

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